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Tag "rilke"

Eine Erzaehltextanalyse von Lena

In dem zu analysierenden Erz?hlanfang aus dem Buch ? Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge? von Rainer Maria Rilke schildert der Ich- Erz?hler die ersten Eindr?cke und Erfahrungen seines neuen Wohnorts, einer franz?sischen Stadt. Aufgrund der Datums und Ortsangabe und des Ich- Erz?hlers l?sst sich vermuten, dass es sich bei dem Text um einen Tagebuchauszug handelt. Der Erz?hlanfang l?sst sich inhaltlich in drei Abschnitte gliedern.


In dem ersten Abschnitt berichtet der Erz?hler ?ber eine Erkundung der Stadt zu Fu?. Bereits am ersten Satz wird eine pessimistische Haltung von Seiten des Erz?hlers gegen?ber der Stadt sichtbar. Die Stadt, welche von vielen Menschen f?r ihre Lebhaftigkeit gesch?tzt wird, bezeichnet der Erz?hler mit dem Konjunktiv ?ich w?rde eher meinen, es st?rbe sich hier?. Der Satz macht deutlich, dass hinter der Fassade der belebten Stadt, nach Ansicht des Erz?hlers f?r ihn sich etwas anderes verbirgt. Die umgangssprachliche Formulierung ? So, Also? unterstreicht den Tagebuchcharakter und macht dadurch indirekt die Subjektivit?t des Erz?hlers deutlich. Der parataktische Satzbau ? Ich bin ausgewesen? und ? Ich habe gesehen: Hospit?ler? erzeugt eine n?chterne Atmosph?re. Die Beschreibungen der Person, die zusammengebrochen ist, verst?rkt die k?hle Atmosph?re. Rilke verwendet die Bezeichnungen ? Menschen? und ?Die Leute?, um eine unpers?nliche Beziehung zwischen den beiden Begriffen zu schaffen. Durch die Verwendung des Verbs ? versammeln?, wird das indirekte Alleinsein des zusammengebrochenen Menschen sichtbar. Er ist zwar von anderen Menschen umgeben, aber die F?rsorge oder Hilfe in diesem Moment kommt in dem Verb nicht zum Ausdruck. Das Alleinsein wird auch in der darauf folgenden Beschreibung einer schwangeren Frau deutlich. Durch das Verb ?schob? und das Adverb ?schwer? werden die M?hen, die die Frau auf sich nimmt, offensichtlich. Ihr einziger Halt ist eine Mauer, die mit den Adjektiven ?hohen? und ?warmen? beschrieben wird. Wie auch der zusammengebrochene Mensch, der zwar nur indirekt Einsam ist, ist auch die Frau, obwohl sie kurz vor der Entbindung steht, ganz alleine. In den Kommentaren des Erz?hlers ? Gut. Man wird sie entbinden- man kann das?, wird eine deutliche Kritik sichtbar. Der Ich ?Erz?hler vermittelt das Bild einer Gesellschaft, die zwar medizinisch sehr fortschrittlich gepr?gt ist, in der aber menschliche Bed?rfnisse, wie Liebe, Zuneigung und F?rsorge vollkommen fehlen. In seinen weiteren Erlebnissen des Tages beschreibt der Erz?hler die Ger?che einer Gasse. Der Geruch wird mit Begriffen wie ? Jodoform, Fett von Pommes frites und Angst? bezeichnet. Wohingegen der Erz?hler zu Beginn nur optische Eindr?cke schildert wendet er sich nun dem Geruchssinn zu und verst?rkt dadurch die negativen Empfindungen auch beim Leser.

Der Geruch des ? Jods? stellt eine Verbindung zu den vorher beschriebenen Krankenhaussituationen her. Das Fett der Pommes steht einerseits f?r das Vergn?gen in der Stadt und gleichzeitig auch f?r die Modernit?t. Der Begriff der Angst, welcher in Form einer Syn?sthesie, gebraucht wird, erzeugt eine bedrohliche Stimmung. Insbesondere die Vermischung der drei Begriffe weckt in der Vorstellung des Lesers eine sehr negative Assoziation. Der parataktische Satzbau ? Alle St?dte riechen im Sommer.? wirkt wie ein Einschub bzw. eine Unterbrechung der Erz?hlung. Die n?chterne Aussage dieses Satzes, die den Geruch zur gewordenen Normalit?t in allen St?dten macht, l?sst die Tatsache noch schlimmer erscheinen. Anschlie?end beschreibt der Ich ? Erz?hler ein Haus, welches als ? Asyle de nuit? bezeichnet wird. Das Haus wird in der Verwendung der Adjektive ?eigent?mlich starrblindes? personifiziert. Die n?chtliche Unterkunft erweckt wie auch die Hospital- Situationen das Gef?hl des Alleinseins. Das Haus wirkt aufgrund seiner Beschreibungen k?hl und ungem?tlich. Die kurzen S?tze ? Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.? unterstreichen, wie auch in den vorangegangen Beschreibungen, die negative Atmosph?re. Die Information, dass die Unterkunft nicht zu teuer ist, verdeutlicht, dass viele Menschen sich eine ?bernachtung im ?Asyle de nuit? leisten k?nnen. Auch hier wird die Gesellschaftskritik sichtbar. Aufgrund vieler Errungenschaften haben es die Menschen zwar geschafft sich bestimmte Lebensstandards einzur?umen, jedoch sind die neuen Lebensbedingungen oft von unpers?nlich, fremden Aspekten des Alleinseins gepr?gt. Die Frage ? Und sonst?? stellt sich der Erz?hler selber. Sie spiegelt eine ?berlegung im Kopf des Erz?hlers wieder, nach der Frage, welche Erlebnisse zus?tzlich im Ged?chtnis geblieben sind. Au?erdem erweckt sie beim Leser das Gef?hl als w?rde der Erz?hler ?ber die zuvor berichteten Erlebnissen unreflektiert hinwegschauen. Als Antwort auf die Frage erz?hlt er von einer Begegnung mit einem Kind in einem Kinderwagen. Das Kind wird mit den Adjektiven ?dick und gr?nlich? und der Information, dass es einen Ausschlag auf der Stirn hat, beschrieben. Der Kommentar des Erz?hlers, welcher fast im Gegenteil zu den Beschreibungen der Krankheit steht, ? Er heilte offenbar ab und tat nicht weh.? erweckt den Anschein als ob der Erz?hler emotionslos ?ber das Kind berichtet. Den gleichen Effekt, l?st der Kommentar ?Das war nun mal so? aus. Auch hier wird die Metapher dass das Kind ?Jodoform, Pommes frites und Angst? einatme scheinbar verharmlost. Die Ersetzung des Wortes ? Luft? durch die am Beginn erw?hnten Ger?che, soll verdeutlichen, dass bereits die Kinder in Einsamkeit aufwachsen. Das Kind hat vor allem keine Wahl, da es auf die Luft angewiesen ist. Auff?llig ist auch, dass im Zusammenhang von einem Kind, das in einem Kinderwagen liegt, nicht die Mutter erw?hnt wird. Diese Tatsache unterstreicht die Einsamkeit. Durch den Satz ? Die Hauptsache war, dass man lebte? versucht der Erz?hler die Eindr?cke der Stadt treffend zusammenzufassen. Durch den kurzen Satz ? Das war die Hauptsache? wird das vorher genannte betont. Au?erdem greift der Erz?hler den Aspekt vom Anfang wieder auf. ??.hierher kommen die Leute, um zu leben,…? Die beschrieben Erlebnisse wirken aufgrund der n?chternen Kommentare noch gravierender. Es scheint, als w?rde der Erz?hler mit seinen Kommentaren provozieren. Die Verwendung der Verallgemeinerung ?man? macht sichtbar, dass die nur scheinbaren ?berzeugungen des Erz?hlers, Ansichten der Gesellschaft sind. Die ?u?ere Form des ersten Abschnitts harmonisiert mit den beschriebenen Erlebnissen. Die Raffung der Zeit, die immer wieder aufkommende Verwendung kurzer S?tze und die stilistisch unsch?ne Aufeinanderfolgung der S?tze (wiederholtes ?Ich? am Satz Anfang/ Fehlen von Bindew?rtern) erwecken eine n?chterne und k?hle Atmosph?re, die in Verbindung zum Inhalt eine scheinbare Emotionslosigkeit des Erz?hlers wieder spiegelt.

In dem zweiten Abschnitt berichtet der Erz?hler einerseits von Ger?uschen, die ihn beim Einschlafen st?ren und anderseits von der Stille, die ihn bedr?ckt. Der Abschnitt beginnt mit einem Tempuswechsel in der Erz?hlzeit. Der Erz?hler wechselt vom Pr?teritum ins Pr?sens. Da er von Ger?uschen spricht, die ihn jeden Abend plagen, und die Ger?uschkulisse aus diesem Grund keine einmalige Handlung ist, verwendet er das Pr?sens. Zus?tzlich wirken die beschriebenen Ger?usche im Pr?sens noch bedrohlicher. Durch die Beschreibungen der Eisenbahn und der Automobile wirkt es so, als w?rden sie das Haus des Erz?hlers durchqueren. Aufgrund der Abwechslung zwischen langen und kurzen S?tzen, die teilweise unverkn?pft aneinander gereit werden, wird eine hektische Stimmung erzeugt. Das Bellen eines Hundes oder das Kr?hen eines Hahnes hingegen, wirken auf den Erz?hler beruhigend ( ? Was f?r eine Erleichterung?, ? Das ist Wohltun ohne Grenzen?). Daher wird deutlich, dass zwischen st?dtischem L?rm und l?ndlichen Ger?uschen differenziert wird. In der Nacht sind es nicht die Ger?che und optischen Einfl?sse der Stadt, die den Erz?hler plagen, sondern die akkustischen. Die Sehnsucht nach l?ndlichen Motiven kommt in dem Hundebellen und dem Hahnkr?hen zum Ausdruck. Die l?ndlichen Ger?usche erinnern den Erz?hler an seine alte Heimat und wirken aus diesem Grund beruhigend auf ihn. In diesem Zusammenhang steht auch die im n?chsten Teil erw?hnte Stille. Durch die Verwendung des Komparativs ?furchtbarer? wird die Stille charakterisiert. Der Erz?hler vergleicht sie mit einem Moment ?u?erster Spannung beim Feuerl?schen, bei dem die Feuerwehrleute hilflos abwarten was passiert. Um die Anspannung sowohl bei dieser Situation aber auch bei der Empfindung von Stille zu verdeutlichen verwendet der Erz?hler Ausdr?cke wie ? mit hochgeschobenen Schultern? oder ? Die Gesichter ?ber die Augen zusammengezogen?. Der Kontrast zwischen der Stille, die mit den Adjektiven ? lautlos? beschrieben wird, und dem darauffolgenden ?schrecklichen Schlag?, den man mit etwas Lautem assoziiert, verdeutlicht ebenfalls die Anspannung. Es scheint, als w?rde der Erz?hler die Stille der Stadt anders empfinden als die Stille auf dem Land. Durch die Verwendung des Wortes ? hier? in dem Satz ? So ist hier die Stille? wird die Unterscheidung sichtbar. Die Stille in der Stadt bedeutet f?r den Erz?hler keine Entspannung sondern Anspannung und Unruhe.

In dem letzten Abschnitt werden die Ver?nderungen des Erz?hlers aufgrund seiner neuen Umgebung deutlich. Durch die vielen neuen Eindr?cke und Erlebnisse, die der Erz?hler versucht zu verarbeiten, hat er sein inneres Bewusstsein neu entdeckt. Der Satz ? Ich lerne sehen? zeigt, dass er Erlebtes zwar mit andern Augen sieht, es aber noch nicht richtig zu deuten wei?. Die Ver?nderung seiner eigenen Person, kommt durch das Brief schreiben zum Ausrduck. Durch die Verwendung des Perfekts ? Ich habe heute einen Brief geschrieben? wird deuchtlich, dass der Erz?hler den Brief zu einem fr?heren Zeitpunkt geschrieben haben muss. Die Auzeichnungen sind nun eine Reflexion ?ber das Briefe schreiben, die widerrum im Pr?sens formuliert ist. Um zu zeigen wie sehr er sich ver?ndert hat, nennt der Erz?hler seine Bekannten ? fremde Leute?. Hier wird seine Isolation und Einsamkeit in der Stadt sichtbar. Das unterschiedliche Zeitempfinden in der Stadt bzw. auf dem Land ( ?Drei Wochen anderswo…..hier sind es Jahre?) spiegelt ebenfalls seine Einsamkeit und sein Unwohlsein wieder. Dem Erz?hler ist es aufgrund seiner neuen Lebensumst?nde gelungen, hinter die Oberfl?che der Pers?nlichkeit eines Menschen zuschauen. Die verschiedenen Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften einer Person bezeichnet er als ? Gesicht?. Er spricht davon, dass ein Mensch verschiedene Verhaltensmuster aufweisen kann, dass es Menschen gibt, die ?fters ihr ? Gesicht? wechseln oder aber auch andere die es nur selten tun. Rilke m?chte an dieser Stelle aufzeigen, wie wenig man ?ber einen Menschen wissen kann, selbst wenn man ihn l?nger kennt. Das Innerste und die sogenannte wahre Identi?t eines Menschen zu erkennen und zu verstehen, ist schwierig, da jede Person in beliebig vielen Situationen unterschiedliche Verhaltensmuster aufzeigen kann. Dennoch m?chte Rilke dies nicht verallgemeinern. Es gibt Menschen, die sich nicht der Situation entsprechend verstellen oder anpassen, sondern sich immer auf die gleichen Vorstellungen und Normen berufen. (?Das sind die Sparsamen…..?) Andererseits gibt es aber auch Menschen, die sich ihr lebenlang verstellen und anpassen  (? Andere Leute setzten unheimlich schnell ihre Gesichter auf,…?). Da es jedoch schwierig ist ein lebenlang ein Rollenspiel zu f?hren, kommt es bei diesen Menschen vorallem im Alter zu einem Umschwung. Pl?tzlich zeigen sie ihr ?Nichtgesicht? und die jahrelang versteckten Makel der Pers?nlichkeit kommen nun zum Vorschein.
An einem Erlebniss des Erz?hlers soll verdeutlicht werden, wie schlimm es sein kann, die unverh?llte Pers?nlichkeit eines Menschen zu erleben. Es kommt an dieser Stelle wieder zum Tempuswechsel. Im Pr?teritum berichtet der Erz?hler von einer armen Frau, die ihm ihr unverh?lltes Ich offenbart. Dies kann der Erz?hler nicht verkraften, er m?chte sich weder dem unverh?llten Dasein der armen Frau zuwenden, noch das innere eines ?Gesichts? sehen. Diese Metapher am Ende des Textes soll die Angst vor der wahren Identit?t eines Menschen zum Ausdruck bringen.

Insgesamt l?sst sich sagen, dass Rilke in dem Text die Konflikte der Gesellschaft in der Zeit der Jahrhundertwende thematisiert. Der schnelle technische und soziale Wandel, und das imperalistische Streben vieler Staaten, verbereitete bei vielen Menschen ein Gef?hl der Angst, Hoffnungslosigkeit und vorallem Orientierungslosigkeit. Die Orientierungslosigkeit ?bermittelt Rilke insbesondere durch die Verwendung stilistischer Mittel. Die oft syntaktisch schlecht miteinander verbundenen kurzen Haupts?tze diesen dazu, die Empfindungen des Ich- Erz?hlers zu ?bermitteln. Dieser ist aufgrund der F?lle von Eindr?cken nicht in Lage die Teilaspkete zu einem geordneten Ganzem zu verbinden. Der scheinbar stilistisch unsch?n aufgebaute Text spiegelt expressionistsche Gef?hle wieder. Die erlebte Wirklichkeit ist f?r Malte Laurids Brigge so komplex und unverarbeitbar, dass seine Aufzeichnungen nicht anders h?tten aussehen k?nne.

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